KI-Agenten sind wie Juniors auf Koks mit Alzheimer
Ich habe gerade die LEANability-Website mit KI-Agenten komplett neu gebaut: neue Struktur, neuer Content, neues Design, Umsetzung, super nice Backend-Features für die Trainings-Administration, Migration von der alten auf die neue Seite, etc.
Alles zusammen in 6 Arbeitstagen. Das ist schon ziemlich knackig.
Kleine Einordnung, damit hier kein falscher Film läuft: Mein Dr. ist in Informatik. Ich habe von meiner Kindheit bis ins Erwachsenenleben programmiert und an der Uni Fächer unterrichtet wie Compilerbau, Rechnernetze, Betriebssysteme und Künstliche Intelligenz. Ich habe seit rund 20 Jahren nicht mehr wirklich entwickelt. Und obwohl ich eher der 0-1-Type war und nicht so sehr der Webentwicklungs-Freund, trau ich mich zu sagen: Ein solides Informatik-Grundverständnis ist immer noch vorhanden.
Es geht in diesem Artikel also nicht um “Großvati kann jetzt auch programmieren”.
Was habe ich nun also von meinem zweiten Entwickler-Frühling mitgenommen? Meine Erkenntnis war nicht: “Wow, KI ist schnell.” Das weiß inzwischen eh jeder.
Die eigentliche Erkenntnis war: KI-Agenten sind brutal schnell. Aber ohne klares Arbeitssystem produzieren sie brutal schnell Chaos.
Oder, etwas metaphorischer formuliert:
KI-Agenten sind wie Juniors auf Koks mit Alzheimer.
Die Agenten-Juniors hauen in die Tasten, als gäbe es kein Morgen, vergessen aber so ziemlich alles, was sie grad noch geschmeidig reingehämmert haben. Deshalb war der wichtigste Teil dieses Website-Relaunches nicht das richtige prompten.
Sondern:
Board. Ticket. Doku.
Klingt unsexy. Ist aber der essentielle Punkt.
Board, Ticket, Doku
Bei diesem Relaunch habe ich mit mehreren AI-Agenten in OpenClaw gearbeitet: Strategy, Content, Experience, Developer, Compliance und Ops.
KI kann fachlich eine enorme Bandbreite abdecken. Sie ist ein perfekter Sparring-Partner. Sie produziert Vorschläge, baut Dinge, testet Annahmen, formuliert Alternativen, findet Lücken. Aber genau deshalb wird sie gefährlich, wenn man sie einfach laufen lässt.
Der Junior auf Koks haut nämlich in die Tasten, dass die Funken sprühen. Das ist sensationell, wenn die Richtung stimmt. Und brandgefährlich, wenn die Richtung nicht stimmt.
Ich will nicht, dass KI vibe-mäßig entscheidet, was sie cool findet. Ich will, dass das Ergebnis so wird, wie ich es brauche. Ich bin der Pilot.
Und dafür braucht es ein Betriebssystem.
Das Board macht den Prozess explizit.
Ich habe Trello verwendet. Nicht, weil Trello magisch ist, sondern weil es eine sehr brauchbare API hat, die easy von Agenten verwendet werden kann. Für mich als Mensch war das Board überlebensnotwendig.
Wer arbeitet gerade woran? Wo gibt es Blocker? Was kommt als nächstes? Was ist schon passiert? Wo muss ich entscheiden?
Die Agenten hätten diese Informationen wahrscheinlich auch souverän in irgendwelche Markdown-Files reingemeiselt. Das interessiert mich aber nicht. Ich wollte Überblick.
Das Ticket macht den Arbeitsgegenstand explizit.
Worum geht es konkret? Was soll entstehen? Was ist der Kontext? Welche Entscheidungen sind schon getroffen? Was sind Erfolgskriterien?
Bei Menschen ist eine gute Ticket- bzw. Arbeitsbeschreibung schon wichtig. Bei KI wird sie essentiell, weil das Ticket den Arbeitsgegenstand stabil hält.
Das Ticket ist nicht Verwaltung. Das Ticket ist das gemeinsame Verständnis über die Arbeit.
Die Doku macht Regeln, Kontext und Entscheidungslogik explizit.
Ich habe die Projektdokumentation in Obsidian gemacht. Meine bevorzugte Schreib-Umgebung seit sehr vielen Jahren. Und praktischerweise voll auf Markdown. Also quasi die Sprach-Syntax von Agenten.
Darin war das komplette Regelset dokumentiert:
- Welche Spalten gibt es am Board?
- Wer arbeitet in welcher Spalte?
- Was dürfen Agenten selbst entscheiden?
- Wo braucht es zwingend Zustimmung von Menschen?
- Wie sieht der aktuelle Projektstand aus?
- Welche Repositories, Server und Konfigurationen werden gebraucht?
Der wichtigste Punkt: Human in the Loop war explizit gemacht. Kein Agent, sondern ich und nur ich alleine entscheide an gewissen Punkten im Prozess.
Das ist keine Kleinigkeit. Das ist Führung im KI-Arbeitssystem.
Das virtuelle Hirn muss gefüttert werden
Jeder Agent bekam diese Doku als Teil seines Startups. Bei jedem neuen großen Feature gab es ein /new. Die Agenten starteten also wieder mit einem frischen virtuellen Hirn: voller Kontext, klare Regeln, sofort einsatzbereit.
Die Alzheimer-Anfälle konvergierten damit gegen null.
Und das ist essenziell. Der Kontext-Speicher von KI-Agenten ist derzeit limitiert. Nach einer gewissen Zeit beginnen sie zu vergessen. Und wenn sie vergessen, wird es mühsam: Sie bauen plötzlich Dinge im Code um, gegen die wir uns vorher explizit entschieden hatten. Sie verlieren den visuellen Style. Sie gehen bei Prozessen in den Freestyle-Mode und deployen zB einfach mal einen kaputten Stand ins Live-System, ohne Freigabe, obwohl wir ja hier einen expliziten Human in the Loop Punkt vereinbart haben.
Nicht aus Bosheit. Sondern weil der relevante Kontext weg ist.
Mit einem soliden Startup, das die wichtigsten Projekt- und Prozessregeln enthält, und mit der Regel, rechtzeitig eine neue Session zu starten, bevor das Kontextfenster voll ist, lässt sich genau das massiv reduzieren.
Das ist der Punkt: KI braucht Kontext, Regeln, einen klaren Arbeitsgegenstand, Entscheidungspunkte und Feedback-Loops. Sonst bekommst du Geschwindigkeit ohne Richtung.
Und Geschwindigkeit ohne Richtung braucht niemand.
KI ersetzt keine Klarheit
Viele glauben, mit KI werde sauberes Arbeiten weniger wichtig. Ich glaube das Gegenteil. Mit KI wird sauberes Arbeiten noch viel wichtiger. Meine Hypothese ist, dass der menschliche Umgang mit Unschärfe anders funktioniert als bei KI-Agenten. Aber das ist einen eigenen Artikel wert…
Es geht um Klarheit bzw. gemeinsames Verständnis und nicht um schwerfällige Bürokratie!
Board. Ticket. Doku.
Das ist nicht Beiwerk. Das ist das Betriebssystem.
Mehr Output ist noch keine Wertschöpfung. Mehr KI ist noch kein besseres System. Und ein Junior auf Koks mit Alzheimer wird nicht dadurch besser, dass man ihm einfach mehr Arbeit gibt.
Man muss das Arbeitssystem richtig gestalten.
Genau deshalb ist FL2D AI-ready
Und genau deshalb ist für mich die Brücke zu Flight Level 2 Design + AI so offensichtlich. Bei FL2D geht es sowieso darum, Arbeitssysteme zu bauen:
- Wie fließt Arbeit über Teams bzw. operative Einheiten hinweg?
- Wie koordinieren wir Abhängigkeiten?
- Wie schaffen wir Transparenz?
- Wie treffen wir Entscheidungen?
- Wie gestalten wir Feedback-Loops?
- Wie machen wir Arbeit sichtbar und steuerbar?
KI bringt jetzt eine neue Dimension dazu. Aber die Grundfrage bleibt dieselbe: Wie gestalten wir ein Arbeitssystem, das Wert liefern kann?
Mit Board, Ticket und Doku entsteht das gemeinsame Verständnis, das Menschen mit oder ohne KI brauchen, um wirksam zu liefern. Das ist für mich der Kern von FL2D+KI.
Nicht Tool-Show. Nicht Prompt-Sammlung. Nicht “schau mal, was ChatGPT alles kann”.
Sondern Arbeit am Arbeitssystem.
Also, gleich die nächsten Flight Level 2 Design + AI Termine checken und dabei sein ;-)
PS: Apropos die Website ist nicht 100% fertig - es gibt derzeit noch kein Formular für Kommentare zu Artikeln. Ich freu mich aber trotzdem über Kommentare - schreib deinen Kommentar einfach im Kontaktformular und ich werde antworten und ihn veröffentlichen.
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